Roadtrip Indien: Delhi, Agra und Kulturschock

 

Welche Bilder kommen Dir als erstes in den Kopf, wenn Du an Indien denkst?

Um ehrlich zu sein: Bei mir war es immer ein Bollywood-Film. In guten und in schweren Tagen. Natürlich mit Shah Rhuk Khan.

Leuchtende Farben, rauschende Feste, ein wenig Dramatik und viel Gesang und Tanz...

 

Seitdem wollte ich immer nach Indien. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum mich gerade die ersten beiden Tage des Roadtrips durch Indien so mitgenommen haben. Romantisierte Vorstellung und Realität konnten kaum weiter auseinander liegen. 

Delhi

 

Die Ankunft am Flughafen in Delhi war zunächst eine positive Überraschung. Sauber, nicht überfüllt und perfekt ausgeschildert. 

Unser Fahrer ist pünktlich, freundlich und begrüßt...Björn mit Handschlag. Mich nicht. Etwas, was sich die nächsten sieben Tage nicht ändern wird. Es ist nämlich unhöflich der Frau eines anderen Aufmerksamkeit zu schenken. Und da er zudem sehr leise spricht, läuft die Kommunikation in den nächsten Tagen oft so ab: Unser wirklich sehr freundlicher Fahrer nuschelt etwas und spicht recht leise. Wenn ich ihn dann als erstes verstehe, sage ich es Björn. Er antwortet. Ein Gespräch von Mann zu Mann.

Unser erster Tag startet direkt ab Flughafen mit einer Tour durch Delhi. Vorbei am Lotus-Tempel, der Mitgliedern aller Religionen offen steht, geht es zum Humayun-Mausuleum, welches von der Bauweise eine der ersten Verschmelzungen von hinduistischer und islamischer Architektur darstellt.

In wenigstens einem Punkt stimmen die Bollywood-Filme: Cricket wird an jeder Ecke gespielt. 

Weiter geht es zum Roten Fort, das seinem Namen von dem roten Sandstein hat. Die Militärpräsenz ist hoch. Alle Besucher werden durchsucht, es gibt eine Station hinter der Männer mit Maschinengewehren sitzen, und als ich nach dem Eingang meine Kamera raushole, werde ich das erste (aber nicht das letzte Mal) in diesen Tagen harsch darauf hingewiesen, dass erst 10 Meter weiter das Fotografieren wieder erlaubt ist. 

Das Thema Fotografieren in Indien hatte mich so fasziniert, dass ich dazu schon mal einen Beitrag geschrieben hatte: Fotografieren und fotografieren lassen - In Indien ändern sich die Perspektiven

Fest steht: Erstens muss man sich an sehr viele Menschen gewöhnen und zweitens daran, dass Du an jeder Ecke geknipst wirst und alle ein Bild mit Dir möchten. Wobei die unten stehende Schulklasse total süß ihre Lehrerin zum Fragen vorschickte...

Nach dem Flug und der darauf folgenden Tour durch Delhi ging es nun nach Agra. Die Reise und die vielen ersten Eindrücke sorgten dafür, dass ich von der Fahrt eigentlich nichts mehr weiß, denn ich habe tief und fest geschlafen.

Agra

Das Gewimmel von Autos, Viehkarren, Mopeds, Kühen und Menschen auf den Strassen von Agra ist gigantisch, die Strassen selber sind eine staubige Abenteuerpiste voller grosser Schlaglöcher und Schlammpfützen. Und ich wollte hier zuerst selber Auto fahren?

Die Menschenmassen und die interessiert in unser Auto schauenden Augen geben uns nicht immer ein gutes Gefühl. Die Armut ist hier groß. Daneben ist Uttar Pradesh, der Bundesstaat in dem Agra liegt, einer der Bundestaaten mit der höchsten Kriminalität in Indien überhaupt. Wir sind froh, als wir im Hotel ankommen. Das Hotel ist im kolonialen Stil errichtet, verfügt über einen Pool, ein nettes Restaurant und ist gut gesichert. Irgendwie krass, diese Unterschiede zu sehen - arm und reich trennt hier nur ein Metalltor. 

Taj Mahal

Am nächsten Morgen beginnt der Tag um 5.30h. Zum Sonnenaufgang soll es am Taj Mahal am Schönsten sein. Ein sehr netter Guide begleitet uns durch die Massen an bettelnden Menschen und  aufdringlichen Rikschafahrern.

Das gibt es auch anderswo, aber hier wirkt es auf mich bedrohend. Vielleicht auch, weil es so viele Menschen sind und Du keine Sekunde zum Durchatmen findest. 

 

Agra war die Hauptstadt des Mogul-Reiches, und sowohl das Taj Mahal als auch das Rote Fort stammen aus dieser Zeit. 

Das Taj Mahal ist wirklich ein architektonisches Meisterwerk. Es scheint zu schweben und wirkt so filigran, obwohl es auf massiven weißen Marmor gearbeitet ist. Als Liebesbeweis und Denkmal für die verstorbene Frau des Moguls wurde das Taj Mahal errichtet. Als der Mogul sich auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses ein Ebenbild aus schwarzem Marmor erbauen wollte, setzten ihn seine Nachkommen in Quarantäne, um dem überschwenglichen Verbrauch von Ressourcen und Geld ein Ende zu bereiten. 

Im roten Fort, wo er in Folge bis zu seinem Tod lebte, konnte er das Taj Mahal noch aus der Ferne betrachten. 

 

Kontrast

Das Taj Mahal ist wahrscheinlich eins der schönsten Gebäude der Welt. Zauberhaft, anmutig und strahlend. 

Und dann bist Du wieder auf den Straßen draussen. Kinder werden zum Betteln geschickt. Menschen schlafen auf der Straße. Überall liegt Müll herum, den unzählige Banden an Straßenhunden nach etwas Essbarem durchsuchen. Selbst bei den heiligen Kühen sieht man die Knochen hervortreten. 

Und ich sitze im Hotel-Garten und heule mir die Augen aus dem Kopf. Das hier hat gar nichts mit Bollywood zu tun. Es tut weh. Weil wir sonst selten so offensichtlich mit Armut und Elend konfrontiert werden. Und weil man sich so unendlich machtlos fühlt.

Das Wissen, dass man hier bettelnden Kindern nichts geben soll (da sonst immer mehr Kinder zum Betteln eingesetzt werden statt in die Schule zu dürfen) und dass man statt dessen vorher lieber an eine Hilfsorganisation spendet, die sich vor Ort für Bildung und Gesundheit einsetzt, macht es in dem Moment auch nicht besser, in dem Du in die traurigen Augen siehst. Es tut einfach weh. 

Rotes Fort

Das Rote Fort in Agra diente als Vorbild für das gleichnamige Fort in Delhi. Es gibt uns eine beeindruckende Vorstellung vom orientalischen Leben im Mittelalter. Die vielen fotografierwütigen Inder hier bringen mich wieder zum Lächeln. Wir sind einfach zum "Gegenseitig-fotografieren" übergegangen. 

 

Zum Sonnenuntergang geht es zur Rückseite des Taj Mahals. Würde der Fluss Wasser führen, könnte man bestimmt eine schöne Spiegelung sehen. Aber nun laufen streunende Hunde durch das trockene Flussbett. Einige kommen näher und würden gern gestreichelt werden. Die Umstehenden warnen. Und ich fange schon wieder an zu weinen. Diesmal weil ich gern allen Hunden ein schönes zu Hause geben würde. 

So ein Tag in Indien kann dich wirklich fertig machen... Vielleicht hilft es, sich vorher richtig darauf einzustellen. Vielleicht aber auch nicht. Ich kenne kaum jemanden, den Indien kalt gelassen hat. 

 

Weiter geht es Richtung Pushkar und Jaipur. Hier warten Farbexplosionen, "holy water", ungeistige Geistliche, bockige Kamele und ein wenig Moderne. 

Aber das ist eine andere Geschichte...

Zahlen, Daten, Fakten

  • Ich hatte mich im Vorfeld über diverse Foren informiert und dann Wagen und Fahrer über www.hiredriverindia.com gebucht. Der Inhaber Mr. Kumar passte uns sogar zwischendurch ab, um sich zu erkundigen, ob alles zur Zufriedenheit verlief. 
  • Buche Dir ein gutes Hotel für die ersten Tage in Indien. Du brauchst einen Platz, wo Du irgendwie zur Ruhe kommen kannst. 
  • Um heftigere Krankheiten zu vermeiden, wird oft empfohlen sich in Indien vegetarisch zu ernähren. Wenn Du das Fleisch auf der Markt in der Sonne liegen siehst, weißt Du warum. Es gibt eine fantastische Auswahl an vegetarischen Gerichten und das Geschmackserlebnis lässt nichts zu wünschen übrig. Mein Lieblingsessen war Paneer Masala - ein indischer Frischkäse mit schnittfester Konsistenz in scharfer Masala-Sauce. 

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Kommentare: 10
  • #1

    Bee (Sonntag, 10 Januar 2016 17:17)

    Liebe Tabitha,

    was für tolle Bilder, beneidenswert - wirklich. Als Kind habe ich immer von Indien geträumt, ich wollte unbedingt dorthin reisen und die Paläste sehen.

    Ich hätte ein sehr großes Problem mit der mangelnden Hygiene in Bezug auf das Essen bzw das Fleisch. Soweit ich weiß, gibt es in Indien eine 2-Klassen-Gesellschaft, sehr arm und sehr reich, einen Mittelstand findet man kaum. Ich beneide deinen Mut, der natürlich mit tollen Bildern und Eindrücken belohnt wurde :)

    Liebe Grüße, Bee

  • #2

    Laura (Sonntag, 10 Januar 2016 18:14)

    Wow was für ein toller Post, ich möchte auch unbedingt mal nach Indien :)

    Liebe Grüße
    Laura von <a href="http://hypnotized-blog.com/">hypnotized</a>

  • #3

    Tabitha (Sonntag, 10 Januar 2016 18:25)

    @Bee: Schön, dass noch jemand so romantische Vorstellungen von Palästen hatte ;-) Mit der Klassen-Gesellschaft hast Du absolut Recht. Es ist wirklich krass den Unterschied zu sehen.

    @Laura: Dankeschön! Es ist wirklich ein Erlebnis! Obwohl und gerade weil es so ein großer Unterschied zu unserer sonstigen Erfahrungswelt ist.

  • #4

    Markus (Montag, 11 Januar 2016 09:28)

    Die Taj Mahal Bilder sind traumhaft schön! Ein insgesamt wunderbarer Bericht der auch mal ins Detail geht. Und auch mal die weniger schönen Seiten zeigt. Denn die gehören halt auch dazu. Muss eine tolle Reise gewesen sein... Danke fürs zeigen ;-)

  • #5

    Tabitha (Montag, 11 Januar 2016 20:48)

    Danke Markus! Es ist tatsächlich so, dass oft die weniger schönen Seiten mit der Zeit verblassen und man sich nur noch an das Gute erinnert. Aber die Ambivalenz der Gefühle in Indien ist bei mir immer noch total präsent.

  • #6

    Neni (Dienstag, 19 Januar 2016 11:56)

    Früher konnte ich mich nie für Indien begeistern.
    Letztes Jahr hat meine beste Freundin dort für 6 Monate gelebt und sie hat das völlige Kontrastprogramm erlebt. Seitdem habe ich gelernt, dass man sich einfach ein bisschen weniger sorgen sollte und vor allem offen gegenüber so intensiven Ländern wie Indien sein sollte.
    Und nun verschlinge ich alles was Indien betrifft, genau wie deinen Beitrag :)

  • #7

    Tabitha (Mittwoch, 20 Januar 2016 20:55)

    Wow, sechs Monate Indien. Da gab es wahrscheinlich mehrere Achterbahnen der Gefühle, oder?
    Mit dem Dorgen hast Du Recht. Sonst würden wir irgendwann wahrscheinlich alle zu Hause bleiben... Und gerade das Verlassen der Komfortzone bringt einen ja weiter...

  • #8

    Paleica (Donnerstag, 28 Januar 2016 09:13)

    Indien muss wirklich ein heftiger kulturschock sein aber es ist bestimmt eine unglaublich intensive erfahrung. toll, dass du das so erleben konntest. das taj mahal ist wirklich was ganz besonderes.

  • #9

    Tabitha (Sonntag, 31 Januar 2016 15:57)

    Liebe Paleica, da hast Du Recht. Es ist irgendwie auch eine Erfahrung, die noch länger nachwirkt, gerade weil sie so weit aus der Komfortzone heraus war.

  • #10

    Karin (Montag, 30 Januar 2017 20:10)

    Tolle Bilder nächstes Jahr 2018 gehts nach Indien zur Traumreise ans Tach -Mahal